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<e>MARKET 31.05.2005

Gerüstet für die Lkw-Maut

Wenn es nach der Telematikbranche geht, könnte die Lkw-Maut längst da sein. Fast alle Anbieter haben Kilometer-Zähler entwickelt, welche die auf Autobahn zurückgelegten Strecken metergenau aufzeichnen. Die Buchhaltung kann anhand dieser Daten die Toll-Collect-Rechnungen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen.
Einige Telematikunternehmen entwickelten darüberhinaus Mautberechnungsmodule, die anhand der aktuellen Tarife - 0,12 Euro pro Kilometer - die genaue Höhe der Zusatzbelastung ermittelt und auf die einzelnen Sendungen umrechnen. Und ein Anbieter schaffte eigenen Angaben zufolge sogar den ganz großen Wurf. Der Newcomer Albsys im schwäbischen Urspring präsentiert ein Verfahren, das via Lkw-Bordcomputer Mautbuchungen über die Internet-Seite von Toll Collect vornimmt.

 

»Neue Marktteilnehmer kommen mit interessanten Innovationen

Albsys wird, das ist zu vermuten, keine große Freude an diesem Vorsprung haben. Egal ob nun die deutsche Maut Ostern, im Sommer oder gar erst im Spätherbst des nächsten Jahres kommt. Am Einführungstag werden vermutlich ein halbes Dutzend Firmen einen solchen Service anbieten.
Konkurrenz belebt das Geschäft - in der Telematikbranche stimmt dieser Satz allemal. Rund 50 Unternehmen kämpfen um Marktanteile, Tendenz steigend.
Fast jeden Monat meldet sich ein neuer Marktteilnehmer. Mancher fällt mit interessanten Innovationen auf. So präsentierte der dänische Anbieter LH Comlog, Aabybro, auf der transport logistic 2003 einen Bordcomputer mit GSM-Kanal, der im Gegensatz zum klassischen SMS die Kommunikation in Echtzeit mit kurzem Verbindungsaufbau ermöglicht.
Eine Bereicherung für den Markt ist auch der Neun-Mitarbeiter-Betrieb Mobiworx im oberbayerischen Raubling, der auf Basis einer weiterentwickelten Linux-Lösung maßgeschneiderte Kundensysteme möglich macht. Andere präsentieren Altbekanntes: So ist M-Fleet, das Flottenmanagementsystem der Dr. Malek Software GmbH in Dresden, ein hundertprozentiges Esys-Produkt, das die hauseigene SCM-Lösung Logistik Chain Ware ergänzt.
Auch die Lkw-Hersteller, die alle mit Ausnahme von Daf Komplettlösungen entwickeln ließen, setzen gerne auf bewährtes. Die Telematiksysteme von MAN und Volvo sind erweiterte Versionen des Gedas-Produkts Logiweb, das Iveco-Angebot fußt auf den Branchenlösungen von Euro Telematik.

»GPRS verspricht deutlich höhere Übertragungsraten als GSM

Auch die Altanbieter rüsten nach. So bieten viele außer dem bewährten GSM-Standard auch GPRS-Lösungen an, die dank ihrer zehn mal höheren Übertragungsraten ordentlich Geld sparen können. Allerdings ist diese Technologie wegen der hohen Roaming-Gebühren derzeit nur für Inlandsverkehre zu empfehlen.
Der Bedarf für solche und andere Innovationen ist jedoch vorhanden: Marktschätzungen zufolge hat bisher höchstens jeder fünfte Flottenbetreiber in Deutschland ein Telematiksystem angeschafft. Auch für weitere Marktteilnehmer ist demnach Platz, vor allem aus dem Ausland gibt es derzeit Zuzug.
Außer LH Comlog haben der britische Komplettanbieter Minorplanet und das Luxemburger Systemhaus Skycom auf dem deutschen Markt Fuß gefasst. Auch die SCM-Branche kennt längst den Stellenwert von Telematik für überbetriebliche Lieferketten, wie das Engagement von Dr. Malek Software oder Kratzer Automation beweist.
Bleibt abzuwarten, ob diese Branche auf eigene Lösungen setzt oder – was der Markt eigentlich nahelegt – Systempartnerschaften bzw. Firmenübernahmen bevorzugt. Ebenso betrachten die Spezialisten für Speditions- und Lagersoftware telematikgestütztes Flottenmanagement als logische Ergänzung ihres Portfolios, wie die Übernahme von ICS Datensysteme („LogICS“) in Hannover durch die Kölner Transflow AG („LBase“) zeigt.

»Noch gibt es kaum Angebote speziell für den Nahverkehr

Trotz der kaum noch überschaubaren Anbietervielfalt gibt es noch unbesetzte Nischen im Markt. Die Branche ist bisher vor allem der Nachfrage gefolgt: Während rund ein Dutzend Lösungen für Entsorgungsverkehre existieren, gibt es bisher kaum Produkte für Nahverkehre.
Einen Anfang machte Euro Telematik in Ulm mit der Lösung Localfleet, das unter anderem von lokalen KEP-Unternehmen und im Tagebergbau eingesetzt wird. Weil solche Lücken geschlossen werden müssen, hat im Telematikmarkt fast jeder Teilnehmer eine Chance.
Mancher schafft es erst im zweiten Anlauf, wie das Beispiel Truck 24 zeigt: Die Oberhachinger, die im Jahr 2000 Insolvenz anmelden mussten, haben mit über 150 Neukunden den Turn-Around mittlerweile praktisch geschafft.
Gut möglich, dass dieses Kunststück auch Salt Logistics gelingt. Die Würzburger wollen nach ihrer Zahlungsunfähigkeit unter dem Namen Salt Mobile Systems weitermachen.

»Durch die Maut steigt der Stellenwert von Telematiksystemen

Die Chancen hierfür stehen auch nicht zuletzt wegen der Maut gut. Verkehrsexperten prognostizieren eine „Initialzündung“ für Telematikanwendungen durch die neue Abgabe. Wer ein Fahrzeugbordgerät für die Mauterfassung angeschafft habe, so ihre Prognosen, werde früher oder später auch die übrigen Funktionen einer solchen Technologie nutzen. Zusätzlichen Auftrieb erhalten solche Erwartungen durch die Auflagen, welche die EU-Kommission am 30. April 2003 Toll Collect machte.
Das Gemeinschaftsunternehmen von DaimlerChrysler und Deutsche Telekom, das über die OBU auch telematische Mehrwertdienste anbieten will und deshalb Furcht vor einer marktbeherrschenden Stellung auslöste, muss demnach eine GPS-Schnittstelle für den Anschluss von Drittgeräten sowie ein Mautmodul für die Integration in dieselben entwickeln. Außerdem dürften Telematikdaten für Toll-Collect-Systeme nur von einem unabhängigen Drittunternehmen eingespeist werden. Allerdings nannte die EU-Kommission keinen Termin für die Erfüllung ihrer Auflagen.
Die Brüsseler Auflagen bevorzugen klar Bordcomputerlösungen: In Handies und Handhelds haben Mautmodule kaum Platz. Davon abgesehen könnten über Bordgeräte bereits heute Mautbuchungen vorgenommen werden – vorausgesetzt, sie haben via Java oder XML direkten Zugang zum Toll-Collect-System.
Gleiches gilt für Dispositionslösungen, die diese Aufgabe zeitgleich oder unmittelbar nach der Routenplanung vornehmen könnten. Das wären nach OBU-, Internet- und Terminallösungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht überzeugen, Variante Vier bzw. Fünf für Mautbuchungen.
Technisch sind solche Lösungen längst machbar, wie nahezu jeder Anbieter bestätigt. Doch das Bundesverkehrsministerium blockt entsprechende Vorstöße ab, weil es durch die Entwicklung von neuen Zugangsmöglichkeiten zusätzliche Verzögerungen für die Mauteinführung befürchtet. Und Toll Collect argumentiert juristisch: Die Mauterhebung sei eine hoheitliche Aufgabe und dürfe deshalb nur über die bereits genehmigten Kanäle erfolgen.
Kritiker halten dem entgegen, dass die hoheitliche Aufgabe von Toll Collect mit der Bereitstellung der Schnittstelle erschöpft sei. Auch alternative Systeme haben demnach einen Anspruch auf Direktanschluss an das Toll-Collect-Buchungssystem.
Wetten, dass diese Frage nach der Mauteinführung für langwierige Gerichtsverfahren sorgen wird. Bis zur endgültigen Klärung bleibt die Albsys-Lösung der Königsweg, weil sie Mautbuchungen nicht über die Toll-Collect-Schnittstelle vornimmt, sondern den Umweg über die Homepage geht. Vorausgesetzt natürlich, dass diese auch tatsächlich aufgerufen werden kann, was bisher nicht immer der Fall war.

Autor: Stefan Bottler